Belebende Begrenzung

21. Januar 2008

Bisher führten folgende Suchanfragen von Suchmaschinennutzern auf die Seite: „Stromgeist“, „Das Belebende Hölderlin“ und „Begrenzte Autopoiese“ und einige Nutzer führte der Tag Faschismus und die Kategorie Autopoiese zum Stromgeist-Blog.

„Begrenzte Autopoiese“ beschreibt das Stadium des Experiments ziemlich gut. Aufgrund der begrenzenden Ausgangsfaktoren und des entsprechend überschaubaren Inhalts sind bisher auch noch nicht viele Aufrufe zu verzeichnen. Das Stromgeist-Schreibsystem hängt noch sehr stark von seiner Selbstbeschreibung ab. Zeit für ein einige Rückkopplungen:

Zum Belebenden: Hölderlins Kommentar zu dem Pindar Fragment läßt sich als eine Poetologie der Autopoiese lesen, eine literarische Chaostheorie, eine Poesie der Selbstorganisation. Gleich zu Beginn des Kommentars heißt es, dass der Stromgeist dort anwesend ist,

„wo das Gestade reich an Felsen und Grotten ist, besonders an Orten, wo ursprünglich der Strom die Kette der Gebirge verlassen und ihre Richtung quer durchreißen mußte.“

Es geht hier um die Geschichte von Strömen, um ihr Verhalten im Ursprungsgebiet. Bevor sie eine klare Bahn einschlagen, verteilt sich ihr Wasser zunächst noch sehr chaotisch, schwemmt mal hierhin, sickert da ein, staut sich dort. Er nach einer Weile bilden sich durch diesen Prozess landschaftliche Gegebenheiten aus, die es erlauben, dass der Fluss seinen Anfang nimmt.

„In solchen Gegenden mußt ursprünglich der Strom umirren, eh er sich eine Bahn riß. Dadurch bildeten sich, wie an Teichen, feuchte Wiesen, und Höhlen in der Erde für säugende Tiere […]. Je mehr sich aber von seinen beiden Ufern das Trocknere fester bildete und Richtung gewann durch festwurzelnde Bäume, und Gesträuche und den Weinstock, desto mehr mußt auch der Strom, der seine Bewegung von der Gestalt des Ufers annahm, Richtung gewinnen, bis er, von seinem Ursprung an gedrängt, an einer Stelle durchbrach, wo die Berge, die ihn einschlossen, am leichtesten zusammenhingen.“

Hölderlin entwickelt hier – in poetischer Betrachtung der Geographie – den Gedanken der Wechselwirkung: Das Wasser im Gebirge formt die Erde und die geformte Erde drängt das Wasser immer stärker in eine bestimmter Richtung, bis sich der Teich, der sich so aus einem Sumpf herausgebildet hat, einer einer Stelle seines Ufers durchbrochen wird. Dieser Moment ist die Geburt des Flusses.

Darum spricht Hölderlin auch – mit Rückbezug auf die griechische Mythologie – von einem Stromgeist. Denn der Strom fließt nicht einfach einlang einer durch die schon fertige Landschaft zufällig vorbestimmte Richtung, sondern er bestimmt selber auch diese Richtung mit. Seine Gestalt und sein Schicksal beruhen auf dem Wechselspiel von dem Eigensinn des Elements und seinen konkreten Umweltbedingungen. Keines von beiden determiniert das Geschehen allein; sie determinieren sich gegenseitig, so dass das letztendliche Resultat nicht vollständig vorhersagbar ist. Dies ist auch eine grundlegende Einsicht der Theorie nichtlinearer dynamischer Systeme. Der Begriff des Geistes verweist, so man also sagen, auf das Phänomen der Emergenz. Emergente Eigenschaften eines Systems – hier des „Wasser-Erde-Systems“ – sind nicht auf die Eigenschaften seiner Elemente – in diesem Fall Erde und Wasser – zu reduzieren. Der Umschlag des „Teich-Systems“ ins „Strom-System“ lässt sich also, in der Sprache der Komplexitätstheorie, als ein Fall von Bifurkation bezeichnen: Eine spontante qualitative Zustandsänderung. Der Geist des Stroms entspräche dann also seinem emergenten Eigensinn.

Zu Heideggers Interpretation: Heidegger scheint den deutschen Faschismus als ein Phänomen der Bifurkation zu deuten. Doch fällt das Moment der Spontaneität dabei deutlich aus der Interpretation heraus, indem er Hölderlins Kommentar auf seine Zeitgeschichte bezieht und dabei vor allem das Moment der Bestimmtheit als Bestimmung liest. Der Bezug auf eine bestimmte Zukunft, die der Faschismus den Deutschen bringen soll, entsprach zwar vollkommen der NS-Ideologie, die Heidegger mit dem Bezug auf Hölderlin besser verstehen wollte, als sie sich selbst, was aber dem Gedanken Hölderlins überhaupt nicht entspricht. Hölderlin ging es, wie es der Name de Pindar-Fragment schon sagt, um „Das Belebende“. Heidegger ging es um Deutsches.

Der deutsche Stromgeist

14. Januar 2008

Was ist der Stromgeist? – In seiner Vorlesung in Freiburg im Wintersemester 1934/35 legt Heidegger Hölderlins Kommentar zu dem Pindar-Fragment Das Belebende in Bezug auf das Schicksal der Deutschen aus. Dafür interpretiert er den Text in entscheidender Weise um, wie durch die Klammerbemerkung deutlich wird:

„Der Strom ist das gewaltsam Bahn und Grenze Schaffende auf der ursprünglich pfadlosen Erde. (Seit der Flucht der Götter ist die Erde weglos.) Von hier aus wird schon deutlicher, … [dass] durch die Ankunft der neuen Götter dem ganzen geschichtlichen, irdischen Dasein der Deutschen eine neue Bahn gewiesen und eine neue Bestimmtheit geschaffen werden soll. Der Stromgeist ist nicht ein Gegensatz des Wassers zum Land, sondern die Wasser ersehen in ihrem Mitklagen die Pfade des weglos gewordenen Landes. Sie reißen das ganze Land den erwarteten Göttern entgegen.“ (Martin Heidegger, Gesamtausgabe II. Abteilung, Vorlesungen 1923-1944, Band 39: „Hölderlins Hymnen Germanien und Der Rhein, herausgegeben von Susanne Ziegler, Frankfurt am Main 1999, S. 92-93. Bei Google Books.)

Heidegger versucht, mit der Figur des Stromgeists den deutschen Faschismus zu verstehen: Sie schafft mit Gewalt Bahn und Grenze und sie sollen dem Dasein der Deutschen eine neue Bestimmung geben. In dieser Zeit hat sich Heidegger zwar schon vom Nationalsozialismus distanziert, aber er hält die Hoffnung aufrecht, dass sie letztendlich doch noch einen geschichtlichen Sinn erfüllen.

Das Belebende

12. Januar 2008

Die männerbezwingende, nachdem

Gelernet die Centauren

Die Gewalt

Des honigsüßen Weines, plötzlich trieben

Die weiße Milch mit Händen, den Tisch sie fort, von selbst,

Und aus den silbernen Hörnern trinkend

Betörten sie sich.

Der Begriff von den Centauren ist wohl der vom Geiste eines Stromes, sofern der Bahn und Grenze macht, mit Gewalt, auf der ursprünglich pfadlosen aufwärtswachsenden Erde.

Sein Bild ist deswegen an Stellen der Natur, wo das Gestade reich an Felsen und Grotten ist, besonders an Orten, wo ursprünglich der Strom die Kette der Gebirge verlassen und ihre Richtung quer durchreißen mußte.

Centauren sind deswegen auch ursprünglich Lehrer der Naturwissenschaft, weil sich aus jenem Gesichtspunkte die Natur am besten einsehn läßt.

In solchen Gegenden mußt ursprünglich der Strom umirren, eh er sich eine Bahn riß. Dadurch bildeten sich, wie an Teichen, feuchte Wiesen, und Höhlen in der Erde für säugende Tiere, und der Centauer war indessen wilder Hirte, dem Odyssäischen Cyklops gleich; die Gewässer suchten sehnend ihre Richtung. Je mehr sich aber von seinen beiden Ufern das Trocknere fester bildete und Richtung gewann durch festwurzelnde Bäume, und Gesträuche und den Weinstock, desto mehr mußt auch der Strom, der seine Bewegung von der Gestalt des Ufers annahm, Richtung gewinnen, bis er, von seinem Ursprung an gedrängt, an einer Stelle durchbrach, wo die Berge, die ihn einschlossen, am leichtesten zusammenhingen.

So lernten die Centauren die Gewalt des honigsüßen Weins, sie nahmen von dem festgebildeten, bäumereichen Ufer Bewegung und Richtung an, und warfen die weiße Milch und den Tisch mit Händen weg, die gestaltete Welle verdrängte die Ruhe des Teichs, auch die Lebensart am Ufer veränderte sich, der Überfall des Waldes mit den Stürmen und den sicheren Fürsten des Forsts regte das müßige Leben der Heide auf, das stagnierende Gewässer ward so lange zurückgestoßen, vom jäheren Ufer, bis es Arme gewann, und so mit eigener Richtung, von selbst aus silbernen Hörnern trinkend, sich Bahn machte, eine Bestimmung annahm.

Die Gesänge des Ossian besonders sind wahrhaftige Centaurengesänge, mit dem Stromgeist gesungen, und wie vom griechischen Chiron, der den Achill auch das Saitenspiel gelehrt.